Integrierte Gesamtschule Hannover-Linden

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Modellversuch zur Inklusion (Antrag 12-2009)

Antrag des Schulvorstands der IGS Linden auf Durchführung eines Modellversuchs, am 10. 12. 2009 einstimmig beschlossen

Die IGS Linden auf dem Weg zur inklusiven Schule:
Ist-Stand – Zielsetzung – nötige Rahmenbedingungen

Am 31. August 2009 wurde der IGS Linden „in Anerkennung ihres herausragenden Engagements auf dem Weg zur inklusiven Schule“ der erstmal ausgeschriebene Jakob Muth-Preis verliehen, der gemeinsam von der deutschen UNESCO-Kommission, von der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen und von der Bertelsmann Stiftung vergeben wird.

Die Auszeichnung ermutigt die IGS Linden, nachdem sie eine Standortbestimmung auf ihrem  Weg zur Inklusion vorgenommen  und ihre Vorstellung einer inklusiven Schule als Ziel formuliert hat, einen Antrag auf Durchführung eines Modellversuchs zu stellen. Der gute Wille aller Beteiligten ist gegeben. Die Ziele sind klar definiert: Möglichst alle Schülerinnen und Schüler sollen in die allgemeine Schule einbezogen werden, auch diejenigen mit Behinderungen und besonderen Bedürfnissen. Die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention erfordert für die IGS Linden die im Folgenden bezeichnete Verbesserung einiger Voraussetzungen und Rahmenbedingungen.


Standortbestimmung

Seit dem Schuljahr 1996/97 praktiziert die IGS Linden die Integration (Beschulung von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in Integrationsklassen). In jedem neuen fünften Jahrgang werden zwei Integrationsklassen gebildet, die in der Regel in der Grundschule Am Lindener Markt eingerichtet worden waren. Diese Integrationsklassen werden von Sonderschullehrkräften begleitet (in der Regel eine Lehrkraft für zwei Klassen). In den letzten fünf Jahren wurden in der Sekundarstufe I jeweils zwischen 50 und 70 Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf integrativ beschult. Der Bedarf an Integrationsklassen war recht unterschiedlich. So gab es Jahrgänge, die sogar vier oder fünf Integrationsklassen bilden mussten. Integration wurde damit in einer Größenordnung geleistet wie an kaum einer anderen Schule in Niedersachsen. Trotzdem konnten nicht alle Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf aus dem Stadtteil aufgenommen werden. Bevorzugt aufgenommen wurden Kinder aus den Integrationsklassen der Grundschule am Lindener Markt. Nur hierfür waren die Rahmenbedingungen geschaffen worden.

Schülerinnen und Schüler, deren sonderpädagogischer Förderbedarf erst im fünften oder sechsten Schuljahr an der IGS per Gutachten festgestellt wurde, wurden in der Vergangenheit wenn möglich  in neugegründeten Integrationsklassen beschult. Nur wenn die Förderkommission nach eingehender Prüfung zu dem Ergebnis gekommen war, dass eine integrative Beschulung für alle Beteiligten nicht mehr zu leisten und damit zu verantworten war, mussten diese Schülerinnen und Schüler die IGS Linden verlassen und an einer Förderschule im Bereich Lernen oder im Bereich emotionale und soziale Entwicklung beschult werden. Grundsätzlich hätte es in den letzten fünf Schuljahren einen Bedarf für sechs Integrationsklassen im Jahrgang gegeben, mithin einen Bedarf für eine inklusive Beschulung des gesamten Jahrgangs, wenn alle Schülerinnen und Schüler, die an der IGS Linden angemeldet waren und deren Förderbedarf sich herausgestellt hatte, auch hätten bleiben können.

Hier zeigt sich: Inklusiv ist diese Praxis insofern noch nicht, als die Integration institutionell  auf „exklusive“ Klassen bezogen ist  und gleichsam nur nebenbei auf den gesamten Jahrgang bzw. die gesamte Schule.

Auch die Aufnahmebeschränkung für bzw. die Überweisung von „I-Kindern“ aus dem Stadtteil an eine Förderschule ist  konsequent nur im Sinne eines integrativen, aber nicht eines inklusiven Ansatzes; sie ist Rahmenbedingungen geschuldet – vor allem:  personelle Ausstattung, Klassengröße, Zeit für die Kooperation der Lehrkräfte, Weiterbildungsangebote  -,  die bisher der Schule keinen Spielraum gewähren, die nächsten Schritte von der Integration zur Inklusion zu wagen.

Zu Frage nach dem Stand der Inklusion gehört aber auch die Feststellung, dass bei der Kooperation zwischen den Fachlehrkräften und den Förderlehrkräften die Kolleginnen und Kollegen an der IGS Linden über den rein integrativen Ansatz hinaus Schritte in Richtung Inklusion gewagt haben. Über eine reine Kombination von Schul- und Sonderpädagogik hinaus bemühen sie sich um eine Synthese und das kollegiale Problemlösen im Team, und statt einer speziellen Förderung für Kinder mit Behinderungen geht es unter einem systemischen Ansatz um Prävention und Intervention im Hinblick auf einen Jahrgang und dessen Klassen. Allerdings setzt das Zeitbudget, das sich ja exklusiv an der Anzahl  und dem definierten Förderbedarf einzelner Kinder bemisst, diesen auf Inklusion zielenden Kooperationsformen bisher enge Grenzen.

Auf einem anderen pädagogischen Feld darf die IGS Linden sich zu Recht jetzt schon als inklusives System bezeichnen:

Für Kinder und Jugendliche gleich welcher Herkunft, Kompetenz, fachlicher Neigung oder Befähigung bietet sie ein großes Ganztagsangebot, in das sie möglichst alle integriert und in das alle sich gestaltend einbringen können.  Es handelt sich um Angebote zur Kooperation aller Schülerinnen und Schüler in selbstbestimmten Projekten und Arbeitsgemeinschaften, in Gremien wie dem Klassenrat, der in den Ganztagsstunden einer Klasse tagt,  oder um SV-Aktivitäten wie „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“.

Zu diesem Angebot gehören auch viele, die unterschiedlichen Voraussetzungen berücksichtigende berufsvorbereitende Maßnahmen, die auch noch den „schwächsten“ Schüler befähigen, seinen eigenen Weg zu gehen, wenn er sich auf das Angebot einlässt. Die Eingliederung aller Absolventinnen und Absolventen unserer Schule in das berufliche und gesellschaftliche Leben, die kompetente Hilfe bei Lebensplanung, Studien- oder Berufswahl  gehören in der Sek. I wie in der gymnasialen Oberstufe der IGS Linden zu den Markenzeichen der Schule. In Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit und zwei Kooperationspartnern (Pro Beruf und FAA) bemühen wir uns um eine effektive Berufseinstiegsbegleitung.

Nicht zuletzt für die gezielte Vorbereitung aller Schülerinnen und Schüler auf  den Übergang in Weiterbildung oder Beruf hat die IGS Linden den Jakob-Muth-Preis erhalten. Inklusion bezieht sich hier nicht nur auf Kinder und Jugendliche mit Lernbehinderungen, sondern auch auf solche aus migrantischen und/oder von Armut betroffenen Familien. In diesem Bereich der Ganztagsangebote gilt es, den hohen Standard zu halten und darüber hinaus noch deutlicher die Interessen und Aktivitäten besonders befähigter Schülerinnen und Schüler zu wecken und anzusprechen.

Für die Integration von Schülerinnen und Schülern mit anderer Muttersprache als Deutsch – ca. 40 % der Schülerschaft der Sek.I hat einen Migrationshintergrund – werden die von der Landesschulbehörde zur Verfügung gestellten 24 Lehrerwochenstunden ergänzt durch externe Unterstützer: Kooperationspartner, die in der Schule Förderunterricht im Fach „Deutsch als Zweitsprache“ anbieten oder die im „Jugendtreff  Linden-Nord“ kostenfreie oder kostengünstige Nachhilfestunden geben.

Auch der Integration armer Schülerinnen und Schüler kommt eine besondere Bedeutung zu. Circa 35 % unserer Schüler/innen leben in einem „Hartz-IV-Haushalt“. Neben dem vom Land Niedersachsen und der Landeshauptstadt Hannover ermöglichten verbilligten Mittagessen und den kostenlos zur Verfügung gestelllten Lernmitteln bieten wir bedürftigen Schülerinnen und Schülern von Sponsoren und Kooperationspartnern finanziertes gesundes Frühstück an. Circa 60 Schüler/innen machen davon regelmäßig Gebrauch.

Der Bereich, der in der nächsten Phase einer inklusiven Schulentwicklung am intensivsten zu bearbeiten ist, betrifft das Kerngeschäft der Unterrichtsgestaltung, sprich unter professionellem Gesichtspunkt das Lehrerhandeln im Unterricht. Hier besteht ein deutlicher Bedarf. Es geht um die Verbesserung eines Unterrichts für alle, der Heterogenität akzeptiert und darauf angelegt ist, alle Schülerinnen und Schüler in der Entwicklung von Kompetenzen voranzubringen. Gerade auch die „starken“ Schüler müssen bei der Planung eines solchen Unterrichts mit ihren Interessen und Möglichkeiten Beachtung finden und sollen in der Lerngemeinschaft sich entfalten und die ihnen gemäße Rolle spielen. Inklusion meint ja nicht nur die Einbeziehung behinderter Kinder, sondern die Beachtung von Individualität und spezifischer Gegebenheiten bei allen Schülerinnen und Schülern in ihren Lerngruppen – und dies sowohl in der Sek.I als auch der Sek.II. Inklusion ist also z.B. auch auf der Tagesordnung bei der Integration von Schülerinnen und Schülern aus vielen verschiedenen Schulen und Schulformen im 11. Jahrgang der gymnasialen Oberstufe: Hier stellt die IGS Linden nur ca. 65 von 170 Schülerinnen und Schülern aus ihrer eigenen Sek. I und muss darauf achten, dass alle gemeinsam möglichst bald einen Zugang zu einem zugleich gemeinsamen und individuellen Lernen finden. In den letzten drei Jahren sind bereits die Lehrkräfte in drei Jahrgängen der Sek. I in der Organisation selbst gesteuerten Schüler-Lernens geschult worden; diese Fortbildungen müssen fortgesetzt werden; sie zielen zugleich ab auf die Bildung von Lehrerteams und die Verstärkung von Kooperation im Kollegium.


Ziele / Leitsätze

In folgenden Bereichen, die für eine inklusive Schule konstitutiv sind, möchte die IGS Linden vorankommen:

  1. Die Angebote zur Kooperation aller Schülerinnen und Schüler sollen erhalten bleiben und vor allem im Hinblick auf Kinder und Jugendliche mit besonderen Interessen und Fähigkeiten noch ausgebaut werden.
  2. Zum Organisationsprinzip der Schule soll werden, dass Ausgrenzung (Exklusion) und institutionelle Diskriminierung so weit es geht verhindert werden.
  3. Die Kooperation der Lehrkräfte soll sich generell auf die individuelle Förderung aller Schülerinnen und Schüler und nicht auf das Herausgreifen „besonderer“ beziehen. Unter diesem Gesichtspunkt soll die Bildung von Lehrerteams in allen Bereichen und Stufen der Schule vorangetrieben werden.
  4. Die Arbeit von Schulleitung und Kollegium konzentriert sich auf die Verbesserung eines Unterrichts, der Heterogenität als Chance begreift, Unterschiede gelten lässt und als Voraussetzung zur Ausbildung der individuellen Persönlichkeit begreift.
  5. Die IGS Linden ist schon lange auf dem Weg zu einer inklusiven Schule, ohne dass sie diesen Begriff verwendet hätte. Im Grundsatz 1 ihres Schulprogramms von 2005 verpflichtet sie sich zu einem Unterricht, der die Kompetenzentwicklung aller Schülerinnen und Schüler gleichermaßen so weit wie möglich voranbringt, und sie definiert die Arbeit an einer verbesserten Unterrichtsgestaltung als permanente gemeinsame Aufgabe des Kollegiums. Kollegium und Schulleitung werden Formen der Kooperation und Weiterbildung finden, um dem eigenen Anspruch auf einen inklusiven, alle einbeziehenden Unterricht gerecht zu werden.


Der künftige Rahmen einer inklusiven Erziehung und die erforderlichen Rahmenbedingungen:

  1. Das Konzept von nur zwei Integrationsklassen in den  Jahrgängen 5-9 wird aufgegeben. Stattdessen arbeiten ab dem Schuljahr 2010/2011 zunächst im 5. Jahrgang und dann aufsteigend alle Klassen integrativ. Jahrgänge und Schule nähern sich dadurch schrittweise dem inklusiven Ideal an: Eine Schule für alle Kinder und Jugendlichen.
  2. Die Klassen  beginnen im fünften  Jahrgang mit 22-24 Schülerinnen und Schülern, drei haben einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Ggf. erhöht sich die Zahl der Kinder mit Förderbedarf – aber nicht die Gesamtzahl - durch spätere Überprüfungen um 1-2 Schülerinnen und Schüler. Dadurch soll verhindert werden, dass eine Schülerin oder ein Schüler wegen eines solchen Förderbedarfs die Schule verlassen muss, obwohl die Förderkommission einem Verbleiben zustimmt.
  3. Die Förderlehrkräfte arbeiten mit Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf gemäß Förderplänen, die sie im Team – in erster Linie gemeinsam mit den Stammlehrerinnen und Stammlehrern einer Klasse und bezogen auf die Situation dieser Lerngruppe -   erstellen. Darüber hinaus gehört eine präventive Arbeit mit den anderen Schülerinnen und Schülern der jeweiligen Klasse zum Aufgabenbereich.
  4. Die Arbeit der Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer hat für das allgemeine Lernklima eine besondere Bedeutung. Der Stammunterricht, den sie  fächerungebunden und zensierungsfrei erteilen, schafft hierfür ein Fundament. Die Kooperation zwischen den Stammlehrkräften und den Förderschullehrerinnen und –lehrern wird ermöglicht, indem eine wöchentliche Teamstunde für die Zusammenarbeit zur Verfügung gestellt wird.
  5. Bei einer durchschnittlichen Zahl von 4 Kindern mit einem besonderen Bedarf  ist jede Förderlehrkraft für die Förderung und Unterstützungsarbeit in zwei Klassen zuständig, so dass in der Regel in jedem Jahrgangsteam drei Förderschullehrkräfte arbeiten. Pro Klasse stehen damit ca. zwölf Lehrerwochenstunden und je eine Teamstunde für die Kooperation mit den Teamlehrern zur Verfügung.
  6. Die IGS Linden arbeitet intensiv mit allen Grundschulen im Stadtteil zusammen. Die Förderkapazitäten stehen in erster Linie den Schülerinnen und Schülern des Stadtbezirks Linden/Limmer zur Verfügung. Nach Maßgabe freier Plätze können auch Integrationsschüler aus anderen Stadtteilen aufgenommen werden.
  7. Das Modellprojekt „Die IGS Linden auf dem Weg zur inklusiven Schule“ wird wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Die bewährte Kooperation mit dem Institut für Sonderpädagogik der Leibniz Universität  Hannover (Prof. Dr. Werning) wird fortgesetzt und soll intensiviert werden, unter anderem mit dem Ziel der Weiterbildung für Lehrkräfte im Bereich der Unterrichtsgestaltung für heterogene Lerngruppen.
  8. An der IGS Linden legen die Schülerinnen und Schüler weiterhin ihr Abitur am Ende des 13. Jahrgangs ab, damit besondere exklusive Maßnahmen in der Sek. I nicht erforderlich werden und die Bemühungen um mehr Inklusivität keinen Rückschlag erleiden.
  9. Auf dem weiteren Weg zur inklusiven Schule werden die schulischen Gremien prüfen, ob sich die gesetzlich vorgegebenen oder geplanten Spielräume für die eigenverantwortliche Schule zur Gestaltung einer „Gesamtschule für alle“ nutzen lassen.

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Außerdem hat die Gesamtkonferenz am 08. 12. 09, die diesen Antrag einstimmig befürwortet hat, folgenden Punkt zusätzlich formuliert:

Angesichts der Tatsache, dass überdurchschnittlich viele Kinder mit und ohne Förderbedarf aus solchen türkischen Einwandererfamilien stammen, die unter Arbeitslosigkeit und Armut leiden, und dass diese Kinder und ihre Familien z.T. sprachlich und emotional besonders  schwer „erreichbar“ sind, ist eine zusätzliche personelle Ausstattung des sozialpädagogischen Bereichs der Schule erforderlich. Ein weiterer Sozialpädagoge, der selber türkische Wurzeln hat, sollte eine Stelle an der IGS Linden erhalten  und für die oben genannte Zielgruppe zur Verfügung stehen.

Die Gesamtkonferenz greift damit einen Antrag auf, den der Schulvorstand in anderem Zusammenhang bereits am 24. 04. 09 an das Kultusministerium gerichtet hat und auf den eine Antwort bisher noch aussteht.