Theater-AG: Jüdische Familien am Schwarzen Bär

Es war ein Projekt der besonderen Art, was Jutta Gerhold, Harrie Müller-Rothgenger und Lea Kohns (Theaterpädagogin) mit der Theater-AG der IGS Linden während des Schuljahres konzipiert und geprobt und am 1., 2. und 3. Juni 2013 mit großer Resonanz „vor Ort“ realisiert haben (Fotos siehe hier): Die von den Mitwirkenden selbst entwickelte Szenenfolge Nationalsozialismus: Jüdische Familien am Schwarzen Bär wurde nicht auf einer Aula-Bühne gezeigt, sondern draußen, dort vor den Häusern und Geschäften, wo der NS-Alltag der exemplarisch ausgewählten Familien Rosenberg, Sochaczewski, Rosenhoff, Stock und Fischer-Goldschmidt in den 1930er Jahren stattfand. Vorausgegangen war ein intensives Quellenstudium, unterstützt von der Initiative „Lebendiges Linden“. 

Die kurzen Spielszenen zeigen den seit 1933 um sich greifenden „alltäglichen Wahnsinn“: Eltern und Kinder werden in eine jüdische Identität gedrängt, verstehen die Welt nicht mehr, wollen das kommende Unheil nicht wahrhaben, werden beschimpft, verlieren Rechte, werden gewarnt, müssen fluchtartig das Land verlassen. Wenn das von den Schülerinnen und Schülern aus dem 9. – 13. Jahrgang gespielt wird, hat das – nicht nur wegen der zeittypischen Kleidung und Accessoires – eine eigenartige Authentizität. Sie mag daher rühren, dass die jungen Schauspieler/innen sich intensiv mit den Hintergründen der jeweiligen Szenen beschäftigt haben, aber mehr noch nimmt den Zuschauer eine Art von naiver Unschuld gefangen, die diese 15-19jährigen von heute auszeichnet und die nicht nur Kinder, sondern auch viele erwachsene Mitbürger von damals, ob jüdisch oder nicht, in ähnlicher Weise ausgezeichnet haben dürfte.

Sich szenenweise von Spielstätte zu Spielstätte, von Haus zu Haus zu bewegen und jeweils neu „aufzustellen“, war für die Zuschauer nicht nur abwechslungsreich, es ließ auch nie ein Theater-Konsum-Gefühl aufkommen, im Gegenteil: Man wurde mehr oder weniger zu einem unmittelbaren Zeugen eines realen Geschehens. Fast beängstigend real in diesem Zusammenhang: das große Schild „Kauft nicht bei Juden“ direkt vor dem heutigen (und damaligen) Kaufhaus an der Ecke neben dem Capitol.

Ein Intermezzo beklemmender Art boten Schüler/innen aus dem 6. Jahrgang mit Masken, die intensiv und gekonnt „Unterdrückung“ durch Bewegung, Gesten und Standbild-Paare darstellten.

Ein Glücksfall für die Produktion war die Anwesenheit und Mitwirkung der 91jährigen Frau Dreyfuss, Tochter des Arztes Sochaczewski. Sie umrahmte nicht nur auf der Open-Air-Bühne im Hinterhof der Tagesklinik Linden die Szenenfolge in Interviews über sich und die Geschichte ihrer Familie, sondern setzte mit ihrer Ausstrahlung und Energie ganz eigene Akzente. Ihr abschließender Appell gegen Fremdenfeindlichkeit, das spürte man, waren nicht bloß Worte, sondern die tief sitzende Sorge um Gesellschaften, die selbstbezogen, dumm und geschichtsblind dahinstolpern.

Für teils unterhaltsame, teils poetische musikalische Zwischenspiele mit E-Piano und Melodika sorgte einfühlsam der Lindener Pianist Holger Kirleis. Für Technik und Logistik waren Mitarbeiter des Kulturzentrums Faust verantwortlich.

Dank für Unterstützung ging an:
Tagesklinik Linden der Klinikum Wahredorff GmbH
Amadeu-Antonio-Stiftung
Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten
Region Hannover
Buchhandlung Decius, Falkenstraße
Initiative „Lebendiges Linden“
Medienhaus Hannover e.V.

Weiter so, Theater-AG!

(M.A.)