Besuch des Bundesverteidigungsministers Boris Pistorius an der IGS Linden

Am 26.06.2026 war Boris Pistorius, Bundesminister der Verteidigung, zu Gast an der IGS Linden. Die Einladung trug den provokativen Titel „Herr Pistorius, brauchen wir wirklich noch die Bundeswehr?“ — ein Thema, das die Schülerschaft deutlich beschäftigte. Die Veranstaltung wurde von den Schülerinnen und Schülern selbst organisiert: Die Schülervertretung (Tessa, Mats, Theo und Mika) hatte den Ablauf vorbereitet und moderierte die anschließende Podiumsdiskussion.

Die Schülersprecherinnen und -sprecher wählten drei zentrale Themenblöcke und leiteten diese jeweils mit prägnanten Einstiegsfragen ein. Zum Thema Rüstungsexporte fragten sie unter Bezug auf einen Bericht einer unabhängigen Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrats, in dem vier von fünf in der UN-Konvention zur Verhütung und Bestrafung des Völkermordes von 1948 genannten Tatbestände im Zusammenhang mit dem Gazafeldkonflikt als erfüllt beschrieben wurden: Warum unterstütze man dennoch die israelische Regierung durch Waffenexporte und setze sich damit indirekt dem Vorwurf aus, diese Entwicklungen zu befördern? Minister Pistorius erläuterte, dass Entscheidungen über Rüstungsexporte in einem rechtlichen und politischen Rahmen getroffen würden. Sie würden anhand nationaler Gesetze sowie der Vorgaben von EU und UN geprüft. Er wies darauf hin, dass Exportkontrollen komplex seien und häufig eine Abwägung zwischen sicherheitspolitischen Partnerschaften, regionaler Stabilität und menschenrechtlichen Bedenken erforderten. Die Bundesregierung strebe dabei nach Transparenz und einer funktionierenden Kontrolle; Fälle mit menschenrechtlichen Bedenken würden individuell geprüft. Außen- und sicherheitspolitische Fragen ließen sich seiner Darstellung nach selten mit einfachen Antworten lösen; zudem hob er die Bedeutung zivilgesellschaftlicher Kontrolle und parlamentarischer Debatten hervor.

Zum Thema Wehrpflicht äußerten die Schülerinnen und Schüler die Sorge, ob es angesichts drängender Zukunftsthemen wie Klimakrise, sozialer Ungleichheit und steigenden Preisen das richtige Signal sei, über eine Wiedereinführung der Wehrpflicht nachzudenken. Sie verwiesen darauf, dass Umfragen eine Mehrheit der Betroffenen gegen eine Wehrpflicht zeigten, und fragten, ob die Jugend noch Gehör finde. Pistorius erklärte zusammenfassend, die Debatte über Wehrpflicht oder andere Formen von Dienstpflichten werde vor dem Hintergrund veränderter Sicherheitslagen geführt; Entscheidungen müssten sowohl sicherheitspolitisch sinnvoll als auch gesellschaftlich tragfähig sein. Er betonte, dass die Sorgen junger Menschen ernst genommen würden und politisches Handeln diese Themen berücksichtigen müsse. Gleichzeitig räumte er ein, dass Frustration nachvollziehbar sei, wenn politische Entscheidungen als nicht ausreichend partizipativ empfunden würden. Deshalb seien Dialogformate mit Jugendlichen wichtig. Er versicherte, dass die Jugend in der Demokratie Gewicht habe und dass demokratische Beteiligungsmöglichkeiten — etwa über Parlamente, Jugendforen oder Beteiligungsprojekte — gestärkt werden sollten.

Als Einstieg in die Diskussion über Aufrüstung hatten die Schülerinnen und Schüler die Auffassung vertreten, Aufrüstung führe nicht zu Frieden,

sondern zu Krieg, und sie verwiesen dafür auf historische Beispiele. Sie nannten außerdem Zahlen zur Finanzierung der Bundeswehr: Für dieses Jahr seien 108 Milliarden Euro vorgesehen; bis 2029 solle diese Summe auf rund 152 Milliarden Euro steigen, was im Vergleich zum Budget von 2023 einer Verdreifachung entspreche. Vor diesem Hintergrund fragten sie, warum Minister Pistorius die derzeitige Aufstockung von Rüstungsgütern und Personal sowie eine mögliche Wehrpflicht für notwendig und alternativlos halte. Pistorius erklärte, die sicherheitspolitische Lage habe sich verändert, wodurch Deutschland mehr Verantwortung übernehmen müsse, auch im Rahmen von Bündnissen wie der NATO. Er machte deutlich, dass Investitionen in Verteidigungsfähigkeit nicht nur Rüstung im engeren Sinne betreffen, sondern auch technologischen Aufholbedarf, Materialerneuerung, Bündnisverpflichtungen und die Sicherstellung der Einsatzfähigkeit einschlössen. Abschreckung und Verteidigungsbereitschaft würden von vielen Staaten als Beitrag zur Stabilität betrachtet; zugleich müsse der Dialog über Rüstungskontrolle und Diplomatie fortgesetzt werden. Entscheidungen über Verteidigungsbudgets müssten politisch legitimiert und parlamentarisch kontrolliert werden; Alternativen wie verstärkte Diplomatie, Entwicklungszusammenarbeit und Krisenprävention seien Teil einer umfassenden Sicherheitsstrategie.

Die Diskussion verlief sachlich und zeigte großes Interesse der anwesenden Schülerinnen und Schüler. Minister Pistorius nahm sich Zeit für Nachfragen, ging auf konkrete Punkte ein und zeigte die Bereitschaft, auch kontroverse Fragen ernsthaft zu beantworten. Die Moderation durch Tessa, Mats, Theo und Mika trug wesentlich dazu bei, dass die Debatte klar strukturiert und lebendig blieb. Insgesamt war die Veranstaltung ein großer Erfolg: Es kam zu einem intensiven, respektvollen Austausch zwischen jungen Menschen und einem führenden Politikvertreter. Herr Pistorius würdigte das politische Engagement der Schülerinnen und Schüler der IGS Linden, äußerte seine Freude über deren politisches Interesse und ihre Aktivität und ermutigte sie, dieses Engagement fortzusetzen. Er brachte zum Ausdruck, dass er optimistisch in die demokratische Zukunft Deutschlands blicke, wenn sich junge Menschen in dieser Weise einbrächten. Wir danken dem Bundesminister für seinen Besuch sowie den Schülerinnen und Schülern für die hervorragende Organisation und Moderation der Diskussion.