Integrierte Gesamtschule Hannover-Linden

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Start Förderkonzept

Inklusion - Renate Bastian vor der Gesamtkonferenz August 2009

Anlass: Die IGS Hannover-Linden hatte 2009 den von der Bertelsmann-Stiftung vergebenen Jakob-Muth-Preis für inklusive Schulen erhalten

Inklusion ist in der angloamerikanischen Pädagogik seit etwa 20 Jahren ein Begriff.

Die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, die in Deutschland seit März 2009 gilt, wird die deutsche Schule verändern, da sie ausdrücklich ein inklusives Bildungssystem fordert. Sie zwingt die Bundesländer zum Handeln.

Endgültig verabschieden wir uns vom Gedanken der Fürsorge, vielmehr akzeptieren wir das Recht auf Teilhabe.

Inklusion bedeutet allgemein Einbeziehung.

Inklusion akzeptiert und begrüßt die Verschiedenheit von Kindern und sieht es als Notwendigkeit, dass alle Kinder am gemeinsamen Unterricht teilnehmen können. Die inklusive Schule passt sich den Bedürfnissen aller Kinder nach individueller Förderung an, stellt zur Verfügung, was notwendig für eine optimale Entwicklung ist. Es geht darum Schule fitter für die Kinder zu machen, nicht andersherum.

Die großen internationalen Schulvergleichsstudien zeigen, dass sich ein inklusives Schulsystem wie in Schweden, Finnland, Kanada, Australien, Spanien in keiner Weise negativ auf die Leistungen der Schülerschaft auswirkt, im Gegenteil: Die Spitzengruppe wird durch die heterogenen Lerngruppen nicht beschränkt, und die Gruppe der schwächer abschneidenden Schüler bleibt deutlich kleiner, als das in Deutschland der Fall ist. Lernen, Aneignung ist nicht allein durch gezielte Förderung zu initiieren, sondern Schüler brauchen Motive. Motive entstehen jedoch vor allem im Kontakt zu Gleichaltrigen.

Deutschland ist im europäischen Vergleich in Bezug auf inklusive Erziehung als Schlusslicht anzusehen. In anderen europäischen Ländern nehmen etwa 85%, in Deutschland nur 15% Schüler mit erhöhtem Unterstützungsbedarf am gemeinsamen Unterricht teil.

In Niedersachsen ist der Anteil an Förderschülern mit 4,7% im Vergleich mit anderen Bundesländern relativ niedrig, ebenso gering ist aber auch die Teilnahme am gemeinsamen Unterricht. Selbst in Bayern werden mehr Schüler in integrativen Systemen unterrichtet als in Niedersachsen.

Diese Informationen sind als Hintergrund für die Preisvergabe des Jakob-Muth-Preises an die IGS Hannover-Linden wichtig, denn unsere Schule bietet in vielen Bereichen Chancen für Schüler mit unterschiedlichsten Voraussetzungen.

Die IGS Hannover-Linden hat den Preis erhalten, weil sie Bedürfnisse von Schülern und Schülerinnen ernst nimmt  und Ressourcen mobilisiert. Zu nennen sind da unter anderem

- der Freizeitbereich mit dem großen, interessanten AG-Angebot,
- der sozialpädagogische Bereich,
- intensive Elternarbeit,
- der differenzierte Bereich der Berufsvorbereitung,
- die Zusammenarbeit auf Jahrgangsebene,
- die Projekte, wie zum Beispiel Albatros,
- die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Lehrern, Sozialpädagogen, Förderschullehrern, Berufsberatern,
- die individuelle Förderplanung für alle Schüler,
- die Vernetzung im Stadtteil,
- die Bereitschaft an Fortbildung teilzunehmen
und vieles mehr. Die IGS hat den Preis dafür erhalten, dass sie ermöglicht, dass Schüler auf unterschiedlichen Entwicklungsniveaus von und miteinander lernen.

Ihr seht, dass es bei der Preisbewerbung nicht gezielt um sonderpädagogische Förderung ging, sondern um das gesamte förderliche Spektrum, das diese Schule bietet. Positiv bewertet wurde auch die präventive Arbeit, die wir Förderschullehrerinnen selbst als sehr wichtigen und befriedigenden Teil unserer Arbeit ansehen, für die aber bisher keine Stunden zur Verfügung gestellt werden. Unser Einsatz ist bisher immer an Schüler mit Fördergutachten gebunden.

Auch im Zusammenhang mit der Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs, "Überprüfung" im Alltagsdeutsch genannt, ist das engagierte Arbeiten der Kollegen dieser Schule gewürdigt worden. Wir haben jedes Jahr Meldungen zur Überprüfung. Fast immer geht es jedoch darum, dass die Kollegen sagen: Dieses Kind braucht zusätzliche Unterstützung, aber wir wollen es gerne behalten. Diese sogenannten Überprüfungen bringen viel Stress und Leid. Die inklusive Schule wird sie nicht mehr benötigen, da sie nicht zunächst jemanden stigmatisiert, um ihn dann zu integrieren, sondern sie versteht sich als grundsätzlich zuständig für alle Menschen, die mit Lernbarrieren konfrontiert sind, egal, ob diese mit Geschlechterrollen, sozialen Milieus, Migrationshintergrund oder Beeinträchtigungen zu tun haben. Und dass genau diese Personengruppen überproportional in den Förderschulen beschult werden, ist eine Tatsache, die so nicht mehr zu ignorieren und hinzunehmen ist.

Die inklusive Schule ist eine Vision, das ist uns klar, aber keine die wir uns ausgedacht haben, sondern eine international anerkannte Forderung einer zukunftsorientierten Pädagogik.

Inklusion!

Sicherlich verändert ein neues Wort nicht viel und ein Preis ist schnell vergessen. Jedoch sollten wir die Aufmerksamkeit, die aufgrund des Preises entstanden ist, nutzen, um unsere berechtigten Forderungen durchzusetzen. Der Schulelternrat und die Gesamtkonferenz haben im April dieses Jahres einen Antrag an die Landesschulbehörde gestellt, Zeiten für gemeinsame Unterrichtsplanung zur Verfügung zu stellen, denn

  • Klassenlehrer brauchen eine Kooperationsstunde, um mit Förderschullehrern kooperieren und planen zu können
  • Klassenlehrer brauchen für die Jahrgänge 5-10 eine zusätzliche Arbeits- und Übungsstunde
  • Förderlehrer benötigen Präventionsstunden für die Jahrgänge 5-10

Bisher ist auf diesen Antrag keine Reaktion erfolgt. Die Kultusministerin war jedoch in Berlin bei der Preisverleihung dabei und hat zugesagt, sich jetzt mit dem Antrag der IGS zu beschäftigen. Wie wir aus einer Pressemitteilung entnehmen können, dankt sie den Lehrerinnen und Lehrern der IGS Hannover-Linden ausdrücklich für die engagierte Arbeit.

Zitat: „Die Auszeichnung nehmen wir als Unterstützung für vergleichbare Projekte und als Impuls für weitere schulische Angebote im Zusammenhang mit den Forderungen, die sich aus der Behindertenrechtskonvention für unsere Schulen ergeben.“

Einsatz für Schüler mit erschwerten Lebensbedingungen, welcher Art auch immer, ist offensichtlich selbst durch unsere Ministerin in der momentanen politischen Lage nicht mehr zu ignorieren. Die Zeit ist deshalb günstig, sich neuen Zielen zuzuwenden, um Unterstützung zu bekommen im Hinblick auf die Weiterentwicklung von Unterricht in heterogenen Lerngruppen.

Der Kasseler Regisseur Ulfert Engelkes hat an den drei Preisträgerschulen einen Film gedreht, den wir gleich zeigen möchten. Bei dem Nachdenken darüber, wer bereit sein könnte, nur drei Tage nach den Ferien etwas mit seiner Klasse zu zeigen, kam ich in den Ferien richtig in Stress, weil ich das selbst als Zumutung empfunden habe. Aber auch das ist toll an dieser Schule. Viele von euch waren sofort bereit, sich mit dieser Situation auseinanderzusetzen.

Danke dafür, auch allen, die dann doch nicht gefilmt wurden oder dem Schnitt zum Opfer fielen.